Das Projekt Human

Digitale Online-Medien stellen einen alltäglichen Bestandteil und eine Sozialisationsinstanz in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen dar. Kommunikationsdienste, Multiplayer-Games und soziale Netzwerke ermöglichen jungen Menschen, unabhängig von Ort und Tageszeit in Kontakt mit der Peergroup oder anderen Personen zu treten sowie Informationen, Bild- und Videomaterial auszutauschen. Nicht zuletzt aufgrund dieser kaum begrenzten Interaktionsmöglichkeiten spielen digitale Medien auch im Kontext einer Sexualisierung von Kindheit und Jugend sowie sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche eine hervorgehobene Rolle. Zwar sind pädagogische Fachkräfte durch den Ausbau von Präventionskonzepten stärker noch als vor einigen Jahren sensibilisiert, um Hinweise auf Grenzverletzungen einzuschätzen und sexualisierter Gewalt vorzubeugen. Unsicherheiten und Lücken in existierenden Konzepten bestehen jedoch weiterhin hinsichtlich Übergriffen, in deren Zusammenhang Medien zum Einsatz kommen, zum Beispiel bei der Anbahnung sexueller Ausbeutung, der Verstärkung von Abhängigkeiten und Schweigegeboten oder zwecks Herstellung und Verbreitung von Missbrauchsabbildungen.  

Das Human-Projektteam erforscht, wie derartigen Gewaltformen begegnet werden kann. Mittels empirischer Rekonstruktion der Handlungsstrategien von Expert*innen aus der spezialisierten Fachpraxis und den Wissenschaften, die zu sexualisierter Gewalt mit digitalem Medieneinsatz arbeiten, und unter Berücksichtigung des Erfahrungsexpert*innenentums von Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, werden aus dem Projekt fallbasierte Handlungsstrategien und –prinzipien abgeleitet, die der pädagogischen Praxis als fundierte Empfehlungen zugänglich gemacht werden.

Vorannahmen und Forschungsdesign

Dem Projekt liegen folgende Annahmen zugrunde:

1. Ein fachlich adäquater Umgang mit sexualisierter Gewalt mit digitalem Medieneinsatz hängt von Anforderungen ab, die sich von Fall zu Fall unterscheiden. Seine Prinzipien sind dementsprechend entlang prototypischer Beispielfälle zu rekonstruieren.

2. Ein auf Wirkforschung zielender Zugang schließt aufgrund der kasuistischen Komplexität und fehlenden Grundlagenforschung hinsichtlich eines fachlichen Umgangs mit sexualisierter Gewalt mit digitalem Medieneinsatz aus. Deswegen werden die Handlungsempfehlungen entlang der qualitativen-empirischen Rekonstruktion begründeten Expert*innenwissens hergeleitet.

3. Gewaltbetroffene - dazu zählen wir junge und erwachsene Menschen, denen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend widerfahren ist, Gewaltzeug*innen, Eltern deren Kinder Gewalt erlebt haben sowie andere nahestehende Personen des Bezugssystems - sind bezüglich ihrer Bedürfnisse und Anliegen bei der Initiation von Hilfen als Erfahrungsexpert*innen ernst zu nehmen. Das Forschungsprojekt ist dahingehend partizipativ ausgerichtet, dass ergänzend zur Expertise professioneller Fachkräfte, die Perspektive Gewaltbetroffener integriert wird.

Das Forschungsprojekt gliedert sich in zwei Ebenen der Erhebung, die reflexiv aufeinander bezogen werden.

Ebene 1:

In Kooperation mit spezialisierten Fachstellen, die zu Thema sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend arbeiten, erheben wir Dokumentationen von Fällen sexueller Übergriffe und Missbrauchshandlungen mit digitalem Medieneinsatz. Auf Basis der Falldokumentationen rekonstruieren wir qualitativ-empirisch 8 bis 10 prototypische Fallszenarien. Die prototypischen Fallszenarien werden in einem Folgeschritt in problemzentrierten Focus-Groups diskutiert, die wir aus Expert*innen, d.h. interdisziplinären spezialisierten Fachkräften aus den Bereichen Kinderschutz, Beratung im Kontext sexualisierter Gewalt mit digitalem Medieneinsatz, Krisenintervention sowie der Wissenschaft rekrutieren. Die Focus-Groups diskutieren, wie mit den exemplarischen Fallszenarien umzugehen sei und begründen ihre fachlichen Positionen. Die Auswertung der Focus-Group-Interviews bildet eine Basis der zu entwickelnden Handlungsempfehlungen.

Ebene 2:

Das Erfahrungsexpert*innentum gewaltbetroffener Menschen wird mittels leitfadengestützter Interviews erhoben. Der Fokus der Interviews liegt nicht auf dem Gewalterleben, sondern auf Anliegen und Ressourcen, die sich aus der Betroffenenperspektive in der Phase der Aufdeckung sexualisierter Gewalthandlungen mit digitalem Medieneinsatz und während der Initiation von professionellen Hilfen ergeben. Die Interviews werden in spezialisierten Fachstellen durch im Umgang mit Gewalt geschultes Personal durchgeführt, damit bei Bedarf eine Weiterberatung möglich ist. Weitere Interviews mit verbandlich organisierten Erfahrungsexpert*innen werden von Studierenden unter enger Begleitung durchgeführt.

Handlungsempfehlungen:

Zwecks Formulierung der Handlungsempfehlungen werden die prototypischen Fallszenarien, die Ergebnisse der Focus-Group-Interviews und die Ergebnisse der Interviews mit den Erfahrungsexpert*innen rekonstruktiv in eine Beziehung zueinander gesetzt. Die Auswertung des Materials erfolgt nach der Reflexiven Grounded Theory. Die Ergebnisse werden in einer Handreichung für die pädagogische Praxis dargestellt und fließen in Weiterbildungsveranstaltungen ein.

Die 4 Säulen des Projektes

Auf dem Weg der Identifikation von Handlungsbedarfen und der Ableitung entsprechender Handlungsempfehlungen begleiten uns vier Grundprinzipien, die wir als die tragenden Säulen unserer Auswertungsstrategie aber auch unserer Arbeitsweise verstehen.

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Prof. Dr. Frederic Vobbe
Katharina Kärgel

SRH Hochschule Heidelberg
Ludwig-Guttmann-Straße 6
69123 Heidelberg

Telefon: +49 6221 6799-403 
E-Mail: human.hshd@srh.de

Förderkennzeichen: FKZ 01SR1711
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